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Teil 2: Pilze anbauen
demnächst: Vitalpilze

Pilze

von Stefanie Goldscheider

Biologie und Ökologie der Pilze

Wie Pilze aus dem Boden schießen...

Glucke

Pilze sind zunächst eher unscheinbare Lebewesen und haben doch gigantisches aufzuweisen. Ihr Wachstum kann mit bis zu einem Kilometer pro Tag unerreicht schnell sein. Das größte und älteste Lebewesen der Welt ist ein Pilz und zwar der parasitische Hallimasch. Es konnte nachgewiesen werden, dass ein einziger Hallimasch Kolonien mit einer Ausbreitung von 6,5 Quadratkilometern hervorbringt und 2500 Jahre alt ist. Pilzwachstum ist sprichwörtlich zum Zuschauen schnell, auch bei der Champignonzucht zu Hause, doch außergewöhnlich ist auch, dass die im Boden unsichtbaren Pilzhyphen im Prinzip unsterblich sind. In manchen Fällen trifft das auch auf die sichtbaren Fruchtkörper zu: einzelne Baumpilze werden hunderte von Jahren alt. Ihre dauerhaften Fruchtkörper werden wie Bäume Jahr für Jahr größer und können über 100 Kilo schwer werden.


Gigantisch, wertvoll, unersetzlich

Pilze sind bis heute die Hersteller des Penicillins, der Bier-, Wein- und Bäckerhefen und aller gereiften Käsesorten. Ohne Schimmelpilze gäbe es weder Emmentaler noch Camembert und auch keinen Roquefort. Sojasoße ist ebenfalls ein komplexes Brauprodukt, das mit Hilfe von Pilzkulturen reift. Pilze sind Geschmackswunder und stecken voller Wirkstoffe.

Speisepilze werden zu hohen Preisen gehandelt. Gute Perigord-Trüffel erzielen über 1000 Euro je Kilogramm. Pilze können in vielerlei Hinsicht wertvoll sein: Einige Arten enthalten Substanzen (Lentinan, Krestin [1]), die nach intensiver medizinischer Forschung den Status von Arzneimitteln, insbesondere in der Krebstherapie, erlangt haben. Weiter enthalten gesundheitsfördernde Inhaltstoffe und gelten als Vitalpilze. Pilze sind ökologisch von größter Bedeutung. Sie recyceln alle organischen Abfälle zu Nährstoffen und Humus für neues Wachstum. Vergleichsweise wenige Pilze sind Parasiten, allerdings treten diese vor allem als Erreger von Pflanzenkrankheiten mit großen Schäden zu Tage. Andererseits gibt es mehr und mehr Anwendungen von Pilzen als natürliche Pflanzenstärkungsmittel und zur Abwehr von Pflanzenkrankheiten. Pilze sind Kosmopoliten, besiedeln viele Lebensräume und machen diese fruchtbar. Man schätzt ihre Artenzahl auf 1,5 Millionen weltweit von denen immerhin 100 000 identifiziert sind. Die Echten Pilze, von denen hier die Rede sein soll, umfassen geschätzte 90 000 Arten weltweit.

Hyphen, Myzel, Fruchtkörper und Sporen

Hyphen, Myzel, Sporen, Fruchtkörper

Durch ihre Erscheinung und Lebensweise stehen Pilze zwischen dem Reich der Pflanzen und dem der Tiere. Anders als Pflanzen ernähren sich Pilze nicht mit Sonnenenergie und produzieren auch keinen Sauerstoff. Sie brauchen organische Nahrung und atmen CO2 aus. Wie Pflanzen bilden sie eine den Wurzeln vergleichbare Struktur aus, das Myzel. Es setzt sich zusammen aus sehr langen dünnen Hyphen. Mit den Hyphen nehmen die höheren Pilze Wasser und Nahrung auf. Außerdem erobert das Myzel auch ohne sexuelle Fortpflanzung neue Lebensräume indem es einfach dorthin wächst. Das Myzel ist der vegetative Teil eines Pilzes. Der nur sporadisch in Erscheinung tretende Fruchtkörper ist der generative Teil und dient der sexuellen Vermehrung. Der Fruchtkörper produziert Sporen, die wie Samen verbreitet werden.

Zwischen Tier
und Pflanze:
Das Reich der
Pilze

Auch bei weiteren Merkmalen, die Pflanzen und Tieren unterscheiden, stehen Pilze genau dazwischen. Pilze haben Zellwände [2], anders als Tiere, weswegen sie ballaststoffreicher sind als tierische Lebensmittel. Pilze speichern keine Stärke wie Pflanzen, sondern Glykogen wie Tiere. Deswegen sind Pilze grundsätzlich für Diabetiker gut geeignete Nahrungsmittel. Beim Essen erhöhen sie nicht den Blutzuckerspiegel.

Schmarotzer, Zersetzer oder Partner

Entscheidend und manchmal auch spektakulär ist die Ernährungsweise der Pilze. Alle Pilze leben von organischer Substanz, doch die Frage der genauen Quelle ihrer Nahrung ist wichtig für ihre ökologische Einordnung sowie die Pilzzucht und Kultur. Jedoch sind die Grenzen zwischen "nützlich" und "schädlich" aber auch die Definitionen von parasitischer, saprophytischer und symbiotischer Lebensweise fließend...


Parasiten

Im Reich der Pilze sind relativ wenige Arten echte Parasiten, auch wenn deren Existenz durch das Auftreten und die Bekämpfung von Pilzkrankheiten (Mykosen) in der Landwirtschaft überdimensionale Folgen und Kosten verursacht. Schadpilze sind die bedeutendsten Krankheitserreger in der Landwirtschaft.
Aufsehen erregend bis gruselig ist es sicherlich, wenn Tiere durch Pilze niedergestreckt werden. Solch ein Pilz, der Raupen tötet, ist ein gesuchter Medizinalpilz mit vielversprechenden Therapiemöglichkeiten, der Cordyceps. Aber auch der als Speisepilz beliebte Austernseitling [4] kann sich als Fleischfresser betätigen und Nematoden als Nährstoffquelle nutzen. Er ist teilweise carnivor.

Parasiten sind nicht immer
schädlich. Einige dienen als
biolgische Pflanzenschutzmittel
andere sind Heil- und Speisepilze.

Der gezielte Einsatz parasitischer Pilze ist eine wichtige und erfolgreiche Methode im biologischen Pflanzenschutz. Schadinsekten werden auf diese Weise in Schach gehalten. Pestizide beziehungsweise Insektizide müssen gar nicht erst eingesetzt werden. Vergleichsweise sehr wenige Pilzarten befallen beziehungsweise parasitieren Tiere.

Parasitische Pilze haben sich auf alles Mögliche spezialisiert: auf Pflanzen, auf Tiere und auf andere Pilze. An Bäumen verursachen parasitische Pilze Weiß- und Braunfäulen, die in der Forstwirtschaft zu Verlusten führen. Manche dieser parasitischen Fäulniserreger sind dennoch Speisepilze, wie etwa der Hallimasch. Jedoch sind die Übergänge zu den Saprophyten fließend und nicht jeder Parasit tötet seinen Wirt. Auch unterschiedet man sogenannte Schwächeparasiten, die nur vorgeschädigte Bäume befallen. Beispiele sind der bei uns sehr seltene und als Vitalpilz begehrte Klapperschwamm und der Reishi. Viele Schwächeparasiten können nach dem Absterben des Wirtes auch auf dem Totholz Jahre lang saprophytisch weiter wachsen.

Zersetzer

Saprophytischer Pilz HolunderschwammDie überaus meisten Pilze sind Zersetzter von abgestorbener Biomasse. Man nennt sie Saprophyten oder Saprobionten. Die Existenz von saprophytischen Pilzen ist entscheidend für den globalen Nährstoffkreislauf. Pilze sind ein gewichtiger Bestandteil von Humus. Auf einem Hektar lebendigem Boden finden sich viele Tonnen an Pilzmasse in Form ihres Myzels. Pilze recyceln alles Organische vom Totholz, Stroh, oder Pferdemist bis zu Fäkalien und Erdölverbindungen. Pilze zersetzen mit der Zeit Papier, Textilien und jeden Biomüll mit Hilfe ihrer speziellen Enzyme. Leider zerstören Saprophyten auf diese Weise auch Holzpfähle, Gartenbänke und andere Holzkonstruktionen.

Pilze zelegen nützliches genauso wie nutzloses und giftiges biogenes Material in seine Bestandteile. Es gibt außer Pilzen nur ganz wenige Lebewesen, die das Lignin aus Holz überhaupt verwerten können. Für Pflanzenfresser ist es nämlich unverdaulich. Pilze - und zwar die Weißfäuleerreger - machen es anderen Humusproduzenten, darunter auch anderen Pilzen, erst zugänglich. Eine interessante Verwendung von Saprophyten ist die biologische Rodung, die Beseitigung von Baumstümpfen. Kombiniert man diese Aufgabe mit der Kultur von Speisepilzen oder Vitalpilzen ergeben sich statt Kosten für schwere Maschinen nutzbare Erträge.

Die meisten Kulturpilze sind Saprophyten, allen voran der Champignon. Weitere sind Parasol, Shiitake und Braunkappe. Je nach Art können Pilzkulturen auf Holz oder Stroh oder auf von anderen Pilzen teilweise zersetztem (beziehungsweise fermentiertem) [5] organischem Material gezüchtet werden.

 

Pilz-Partner

Viele leckere Speisepilze gehören zu einer anderen, genauso bedeutenden Gruppe. Diese Pilze gehen Symbiosen mit Pflanzen ein. Beide Partner profitieren. Das Myzel im Boden beziehungsweise die weitläufigen, viele Meter langen Hyphen umwachsen die Pflanzenwurzeln und verhelfen ihnen zu einer besseren Aufnahme von Mineralstoffen und Wasser. Man nennt diese Pilze auch Mykorrhiza-Pilze [3]. Dennoch infiziert der Pilz die Pflanzenwurzel und zweigt Nährstoffe von ihr ab.

Symbiosepartner
leben besser.
Eine Frage von
Pilzen oder Wüsten

Bäume, Sträucher und Wälder auf trockenen oder nährstoffarmen Standorten können ohne ihre Mykorrhizapartner im Boden schwer oder überhaupt nicht überleben. Nur Pilz und Pflanze gemeinsam gelingt die Besiedelung von ausgewaschenen Böden in den Tropen oder in manchen unserer Mittelgebirge aber auch in Trockenregionen. Symbiosepilz: Trueffel Der ökologische und ökonomische Wert symbiotischer Pilze ist auch in der Landwirtschaft ungeheuer groß, obwohl man bis heute sehr wenig darüber weiß. Es ist nämlich sehr schwierig, die komplexen Wechselwirkungen zwischen Pflanze, Pilz und Bodenbakterien zu untersuchen und zu reproduzieren. Im Ergebnis steigern sie die Erträge ohne Einsatz von Düngemitteln.
Auch an der Kultivierbarkeit von Trüffeln, typischen Symbiosepilzen an Eichen und Hasel wurde lange und intensiv geforscht. Sie gilt heute als gelungen - Trüffel können angesiedelt werden. Für Steinpilz, Maronenröhrling und Pfifferling stecken Anbaubemühungen noch im Versuchsstadium.

>>> weiter zu Teil II: Pilze kultivieren


Anhang

[1] Lentinan aus Lentinula edodes, dem Shiitake, Krestin aus Trametes versicolor, der Schmetterlingstramete und Grifolan aus Grifola frondosa, dem Klapperschwamm sind Präparate die aus Pilzen isoliert werden und in Japan und den USA zugelassene Krebsmedikamente sind. Weitere Substanzen wie das Pleuran aus dem Austernseitling (Pleurotus ostreatus) und das Flammulin aus dem Samtfußrübling (Flammulina velutipes) lassen ähnliche Anwendungen erwarten.

[2] Die Zellwand dient einer stabilen Struktur aber auch dem Schutz vor Austrocknung, Strahlung oder anderen Umwelteinflüssen bei ortsgebundenen Lebensformen. Sie ist ein unterscheidendes Merkmal von Pflanzenzellen im Gegensatz zu tierischen Zellen. Bei Pilzen ist eine Zellwand vorhanden, die allerdings aus Chitin besteht und nicht aus Zellulose wie bei Pflanzen.

[3] Mykorrhiza: Die Wurzeln von 90 bis 95% aller Pflanzenarten können oder müssen mit Pilzen im Boden eine sehr enge Symbiose eingehen, um an ausreichend Wasser und Mineralstoffe zu gelangen. Die Pflanzenwurzeln sind wesentlich dicker als die Hyphen (~ Wurzeln) der Pilze und haben keine so große Reichweite beziehungsweise Oberfläche und auch keinen so effektiven Aufnahmemechanismus. Die extrem dünnen und weitreichenden Pilzhyphen durchwachsen oder umwachsen deswegen die Pflanzenwurzeln, liefern diesen beispielweise den in vielen Böden schwer verfügbaren Phosphor und erhalten von der Pflanze deren organische Syntheseprodukte wie Zucker, Aminosäuren und Lipide zum eigenen Wachstum. Diese Symbiose ist von Vorteil für beide Partner. Sowohl die Mykorrhiza-Pilze als auch viele Pflanzenarten sind darauf obligatorisch angewiesen.

 

[4] Der Austernseitling oder Austernpilz ist sehr anpassungsfähig. Er wächst auf unverrottetem Holz und zersetzt es dabei. Daneben kann er zum Schwächeparasiten werden, weil er kranke Bäume befällt. Letztendlich nutzt er auch Nematoden (Fadenwürner) mit als Nahrungsquelle und tötet sie dabei wie ein Parasit.

 

[5] Wächst ein Pilz nur auf halb verrottetem, fermentiertem Material wird er als sekundärer Saprophyt bezeichnet, so wie der Champignon und der Parasol. Ein Pilz, der unverrottetes Holz und Stroh zersetzen kann wird als primärer Saprophyt bezeichnet. Beispiele sind der Austernpilz und der Shiitake.

 

 


Autorin: Stefanie Goldscheider

Literatur zu Pilzen:

- Taschenlexikon der Pilze Deutschlands
- Die Großpilze Baden-Württembergs
- Grundkurs Pilzbestimmung
- Der neue Kosmos Pilzatlas
- Growing Gourmet and Medicinal Mushrooms, Paul Stamets, 3rd ed. 2000, Ten Speed Press

- Mycelium Running: How Mushrooms Can Help Save the World: P. Stamets, 2005, Ten Speed Press
- Zeitschrift für Phytotherapie Hippokrates-Verlag 2007;28:115-124 und 223-229