ErnährungGesundheitÖkologieGartenFairer Handel


Hanfgeschichte

von Stefanie Goldscheider

Eine kulturschaffende Pflanze

Hanf (Cannabis sativa) hat wie kaum eine andere Pflanze Geschichte geschrieben, Kultur geschaffen und technischen Fortschritt eingeleitet. Hanf wird seit ungefähr 10 000 Jahren genutzt und seit mindestens 3000 Jahren in allen Teilen der Welt angebaut. In China wurden vor fast 5000 Jahren die ersten Textilien aus Hanf gewebt und vor über 2000 Jahren das erste Papier aus Hanf geschöpft. Über Jahrtausende gewann man aus Hanf wirksame Medizin, gesunde Nahrung, wertvolles Öl für Farben und Lacke sowie Fasern für alle Zwecke. Beispielsweise benutzten Gutenberg für den Buchdruck und Rembrandt für seine Ölgemälde Hanfprodukte; denn aus Hanf wurde sowohl zähes, dauerhaftes Papier als auch Farben hergestellt. Die Seefahrt mit den großen Handels- und Entdeckungsreisen mit Segelschiffen wären ohne Hanf nicht möglich gewesen. Taue, Seile, Schnüre, Garne, Segeltuch und die erste Levi's Blue-Jeans, alles was reißfest und geschmeidig zugleich sein sollte, konnte in dieser Qualität nur aus Hanffasern gefertigt werden.

Hanf gedeiht in vielen Klimazonen der Erde Die Pflanze kommt ohne chemischen Pflanzenschutz aus. Sie ist höchst produktiv und liefert vielseitig genutzte Rohstoffe mit einer sehr guten Ökobilanz. Nochdazu sind Hanfsamen ein wertvolles Futter für Wildtiere, wie beispielsweise den Hänfling. Und dennoch konnte Hanf, der noch bis ins 20. Jahrhundert hinein unersetzlich schien, in der westlichen Welt verboten, verteufelt und nahezu vergessen werden. Warum erregte die Pflanze plötzlich soviel Gegenwehr?

 

Eine Geschichte von Kriegen, Kolonialismus und Petrochemie

Entsprechend der Bedeutung des Hanfs für die Textil- und Papierindustrie und die Kriegsmarine wurde dieser zu einem wertvollen und umkämpften Handelsgut. Das zaristische und später auch das kommunistische Russland war jahrhundertelang der größte Hanfproduzent und deckte 80 % des Bedarfs der westlichen Welt. Der Rohstoff wurde mit Zöllen belegt und war Gegenstand der damaligen Handelskriege. Napoleons Kontinentalsperre schnitt Großbritannien vom Hanf ab und zwang die Kolonialmacht zur Suche nach Alternativen. Aus praktisch kostenlosen oder sehr billigen Rohstoffen in den Kolonien erwuchs der bedeutendsten aller Faserpflanze plötzlich pflanzliche Konkurrenz: Jute aus Indien, Baumwolle aus Ägypten und Holz überall aus den Tropen konnten mit Hilfe neuer Technologien und Maschinen die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten des Hanfes ersetzten.

Es entstand dem Hanf aber in erster Linie chemische oder genauer gesagt petrochemische Konkurrenz in Form von Kunststoffen und synthetischen Pharmazeutika.

1937 hatte der amerikanische Chemie- und Rüstungskonzern Du Pont neben Nylon auch die Holzzellstoffverarbeitung patentieren lassen. Ähnliche Interessen vertrat der deutsche Partner IG-Farben, der in den Kriegsjahren mit zahlreichen Tochterfirmen sehr gute Geschäfte machte. 1937 begann in Amerika die Hanfprohibition. Große amerikanische Öl- und Pharmakonzerne fürchteten das unvorstellbar große ökonomische Potenzial der Hanfpflanze. Um ihre eigenen Interessen durchzusetzen und ihre Märkte der Zukunft zu sichern, wurde fortan alles getan um die multifunktionelle Kulturpflanze zu verunglimpfen und langfristig zu verbieten.

Es folgten Jahrzehnte der Lügen und Verleumdungen, rassistische Hetzkampagnen und Gefängnisstrafen für hundertausende von Amerikanern. Dies hat sich bis auf den heutigen Tag nicht geändert.

Haschisch und Marihuana

Der Rufmord einer der nützlichsten Pflanzen der Welt geschah mit Hilfe einer Pressekampagne des amerikanischen Zeitungsmagnaten, Waldbesitzers und Rassisten Hearst. Marihuana - das sind die weiblichen Hanfblüten - und Haschisch, das Harz der Pflanzen, wurden von großen Teilen der Bevölkerung in den USA konsumiert. Das gab Hearst und seinen Freunden aus Industrie und Politik die Möglichkeit mit ihrer Hetze die Latinobevölkerung, die Schwarzen, aber auch weiße Musiker, Künstler und Intellektuelle zu kriminalisieren. Der Einfluss derselben Lobbyisten führte im Laufe der Jahre auch international, ändern, zu Ächtung und Verbot von Cannabis.

Dabei war die medizinische Wirkung von Marihuana gegen Schmerzen, Depressionen und Krämpfe erprobt und belegt und hatte im 19. Jahrhundert zu dessen Aufnahme in die europäischen und amerikanischen Arzneibücher geführt. Ungewöhnlich für die westliche Medizin war allerdings die Verabreichungsform als Rauch in Pfeifen.

Bis heute versuchen Chemiker und Pharmazeuten diese wirksame und unbedenkliche Methode der Applikation zu verändern. Das Rauchen beziehungsweise Inhalieren erinnert wohl an Schamanen, Mystik und Folklore und wird deswegen weiterhin verteufelt. Die wissenschaftlich nicht haltbaren, erfundenen Hetzkampagnen würde man vielleicht gerne vergessen machen, doch versprechen nach wie vor synthetische pharmazeutische Produkte größere Gewinne. Da man vernünftiger Weise nicht für alle Zeiten auf den psychoaktiven Wirkstoff verzichten konnte, isolierte man den wirksamen Bestandteil, das THC. Man synthetisierte auch vergleichbare Wirkstoffe, doch das Problem blieb bestehen: Die chemischen Produkte haben mehr unerwünschte Nebenwirkungen als der Naturstoff. Langsam macht sich jedoch ein Umdenken auch in Teilen der westlichen Welt bemerkbar und es gibt legale Wege Cannabis zu verwenden.

 

Ölsaat mit langer Tradition

Hanfsamen sind ölhaltige Früchte. In China gehörten sie lange Zeit sogar zu den Grundnahrungsmitteln. Bereits in der Antike waren Hanfsamen in Ägypten, in Griechenland, im Römischen Reich und im übrigen Europa bekannt. Schriftliche Zeugnisse von Dioskurides, Karl dem Großen, Hildegard von Bingen und vielen englischen Ärzten im Mittelalter sprechen von der medizinischen Wirkung der Ölsamen. Dies ist aus heutiger Sicht leicht nachzuvollziehen. Ohne Zweifel sind Hanfsamen sehr gesund. Durch ihren hohen Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, der Alpha-Linolensäure vom Omega-3-Typ und der seltenen Gamma-Linolensäure sowie ihren Vitaminreichtum sind sie ein wertvolles Nahrungsmittel und bei vielen Krankheiten hilfreich.


Ökonomische Bedeutung des Hanfanbaus

Die heute mit Abstand bedeutendste Faserpflanzen aus den Tropen, die Baumwollle, sorgte schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Verdrängung des Hanfanbaus aus Europa. Zu dieser Zeit wurden aber noch bis zu 1 Million Hektar auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und bis zu 300 000 Hektar vor allem in Osteuropa angebaut.1938/39 wurde der Hanfanbau in Deutschland zur kriegswichtigen Produktion erklärt und während des Zweiten Weltkriegs noch einmal forciert. Gleiches geschah 1942 während der bestehenden Hanfprohibition in den USA unter dem verpflichtenden Motto "Hemp for Victory".

Die Autarkiebemühungen führten in Nazi-Deutschland zu einer Anbaufläche von 15 000 Hektar Hanf. Das Verbot für Hanf bestand in Deutschland zwischen 1981 und 1996. In dieser Zeit waren selbst Forschung und Lehre über diese Pflanze unmöglich. Nach der Legalisierung werden heute wieder ungefähr 2000 ha angebaut.

Auch in den Hauptanbauländern, in denen das durch die US-Propaganda erwirkte Verbot nie galt, also in Russland, Ex-Jugoslawien, Rumänien, Ungarn und Polen ist der Hanfanbau mit den politischen Umwälzungen 1990 eingebrochen. Nur in China, Chile, Korea und Frankreich ist der Hanfanbau für Öl oder Fasernutzung über die Jahrzehnte stabil geblieben. Hier werden auch heute die besten Qualitäten erzeugt, so dass es viele Produkte aus Hanf wieder zu kaufen gibt.



Mehr zur modernen Öl- und Fasernutzung lesen Sie in den weiteren Teilen:
- Ölhanf und Hanföl
- Faserhanf und Hanffasern
Mehr zur medizinschen Verwendung lesen Sie im Arzneipflanzensteckbrief:
- Cannabis sativa

Buchtipp
Cannabis von Mathias Broeckers
AT-Verlag, Aarau, Schweiz, 2002, 224 Seiten, 300 Farbfotos, Großformat, Leinen mit Schutzumschlag, € 34,90.
Eine reich bebilderte Geschichte der Kulturpflanze Hanf. Berichtet wird von den historischen und aktuellen Verarbeitungsmöglichkeiten, der Prohibition dem Marihuanarausch und den Chancen und Segnungen der Multifunktionspflanze Hanf. Ein Bildband zum Schmökern Mehr....

Das kleine Hanf-Lexikon, herausgegeben vom Nova-Institut Verlag die Werkstatt, Göttingen, 2. aktualisierte Auflage 2003; 80 Seiten, s-w- Bilder, Grafiken und Tabellen; € 4.-Alle wichtigen Informationen zu Geschichte, Anbau, Verarbeitung und den verschiedenen aktuellen und zukunftsweisenden Nutzungsrichtungen, kurz, exakt und verständlich aufbereitet, mit zahlreichen Querverweisen. Gleich bestellen!